Brauchen wir noch traditionelle Mediensteuerungen?

Virtual Control

Über Jahrzehnte waren sie unverzichtbarer Teil jedes besseren Meetingraums. Separate Steuerkabel verbanden jeweils die einzelnen Geräte mit dem Herz der Anlage. Relaiskontakte, Infrarot, RS-232 aber zunehmend auch LAN-Verbindungen sorgten dafür, dass der Benutzer selbst komplexeste Systeme übersichtlich mit nur wenigen Klicks bedienen konnte. Aber gilt das noch heute? Brauchen wir noch traditionelle Mediensteuerungen?

Mediensteuerungen heute

Sowohl auf Seite der Userinterfaces wie z.B. Touchpanels als auch auf der Steuer-Seite herrschen LAN und WLAN vor. PoE (Power over Ethernet) wird zur zentralen Stromversorgung. EINE einzige Netzwerk-Schnittstelle genügt, wo früher eine Fülle an Steuerkabeln nötig war.
Im Inneren moderner Mediensteuerungen herrschen Android oder Linux vor. Sieht doch irgendwie alles nach Computer-Technik aus, oder?

Verschwindet nun die Mediensteuerung in den Serverraum?

Angesichts der Chipkrise, wo man aktuell selbst auf Standard-Produkte teilweise einige Monate (!) auf Nachschub warten muss, drängen sich zwei Fragen auf:

  1. Brauchen wir überhaupt noch eine eigene Steuerzentralen pro Raum?
  2. Können wir nicht die Steuerung vieler Räume auf nur einen einzigen „Steuer-Server“ zentralisieren?

Und genau das passiert gerade in der Welt der Mediensteuerungen!
VIRTUAL CONTROL ist das neue Schlagwort und es ist genau das, wonach es klingt.Nachfolgend zwei grundlegend unterschiedliche Konzepte, die aber beide dem gleichen Trend folgen.

EXTRON VCA 100 Virtual Control Appliance

Von außen sieht das Extron VCA 100 wie ein herkömmliches AV-Gerät aus, im Inneren werkt aber ein ziemlich „normaler“ PC. Celeron 2,4GHz, 8GB RAM, 512GB SSD, Gigabit LAN und Linux als Betriebssystem klingt nicht nur nach PC-Technik, sondern ist es auch.

VCA 100 Virtual Control Appliance
VCA 100 Virtual Control Appliance (c) Extron

Auf einer einzigen VCA 100 Box können aber bis zu 50 virtuelle Steuerungen laufen! Nicht nur eine enorme Platz- sondern vor allem auch massive Energieeinsparung! Die Verbindung zu den zu steuernden Geräten erfolgt über das Netzwerk. Müssen herkömmliche RS-232 Schnittstellen eingebunden werden, so setzt man einfach dezentral IP/Serial-Konverter. Fertig.

Es liegt nun einzig und allein im Auge des Betrachters, ob man dieses Gerät schon als IT-Gerät, d.h. als Linux-Server betrachtet ODER ob es (noch) ein sehr spezielles AV-Gerät ist. Es gibt Argumente für beide Denkmodelle. Mein persönlicher Eindruck: Der Hersteller Extron möchte seine Kunden nicht mit radikalen Änderungen überfordern und geht daher die Sache eher konservativ an.  Die VCA 100 Appliance wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch weiterhin beim AV-Integrator sein, mit allen damit verbundenen Vor- aber auch Nachteilen.

CRESTRON VC-4 Virtual Control

Im Vergleich dazu ist das VC-4 System von Crestron radikal auf IT getrimmt. Es ist eine pure Software-Lösung. Die Steuerungen von bis zu 500 (!) Räumen können auf einem einzigen Linux-Server im Rechenzentrum des Kunden bereitgestellt werden. Dieser Server kann ein physischer PC oder eine virtuelle Maschine sein. Ein einzelnes Stand-Alone System oder ein redundanter Cluster für erhöhte Ausfall-Sicherheit. Mit all jenen Sicherheitslösungen (z.B. PAM), wie es die IT Standards des Kunden eben vorgeben. Im Gegensatz zur Extron Lösung kommt die Hardware selbst aber nicht von Crestron.

VC-4 Virtual Control
VC-4 Virtual Control (c) Crestron

Die nachfolgende Grafik zeigt die enorme Skalierbarkeit des VC-4 Systems.
8 CPU Cores und 64 GB RAM erschrecken im Jahr 2022 keinen echten Server-Administrator, sind aber ausreichend für die Steuerung von 200 Räumen mit je 8 zu steuernden AV-Geräten!

Crestron VC-4 Scalability
Crestron VC-4 Scalability (c) Crestron

Lizenzierung und Kosten

Beide Systeme werden aktuell pro Raum lizensiert. Interessanterweise sind es jeweils „perpetual licenses“, werden also einmalig gekauft und gelten dann unbeschränkt. Offenbar trauen sich beide Anbieter noch nicht, ein in der IT längst übliches Subscription-Modell mit monatlichen Zahlungen anzubieten. Hier spürt man den Unterschied der doch etwas konservativeren AV-Technik im Vergleich zur IT-Industrie. Es würde mich nicht wundern, wenn auch die AV-Industrie mit einiger Verzögerung auf ein Abo-Modell umsteigen wird.

Brauchen wir noch traditionelle Mediensteuerungen?

Mit Sicherheit sind virtualisierte Steuerungen nicht für jede Anwendung die optimale Lösung. Wenn aber mehrere der folgenden Rahmenbedingungen erfüllt sind, stellt Virtual Control eine echte Alternative dar:

  • VIELE ähnliche Räume in einem Gebäude, die idealerweise auch alle das gleiche Programm verwenden. Dann sind enorme Skalierungs-Effekte und Effizienzen möglich. Eine Programmänderung oder ein Update ist binnen Minuten auf hunderte Räume verteilt.
  • Vergleichsweise unkomplexe Steuerungen. In klassischen Meetingräumen oder Hörsälen sind aktuelle Mediensteuerungen meist massiv „unterbeschäftigt“. Anstatt hier 100 einzelne Systeme praktisch im Leerlauf zu betreiben, ist ein Server deutlich sparsamer.
  • Die meisten Geräte und Dienste werden per LAN gesteuert. Wenn dies nicht der Fall ist, sondern jede Menge Interfaces benötigt werden, ist eine lokale Steuerung mit eben diesen eingebauten Schnittstellen sicher die bessere Lösung.

Brauchen wir noch traditionelle Mediensteuerungen ist zwar eine provokante Frage, kann aber mit einem klaren JA beantwortet werden. Nicht jeder Kunde braucht Virtual Control und (nicht zu vergessen!) nicht jeder Kunde WILL Virtual Control! Aber nun gibt es endlich die Wahl zwischen mehreren Optionen.

Medientechnik-Consulting wird nicht einfacher

Konzepte wie Virtualisierung von Mediensteuerungen, Script-basierte Rollouts und ähnliche Themen gehen weit über das klassische Audio/Video-Consulting hinaus. Mit schon ein wenig Stolz darf ich behaupten, dass HST Consulting auch hier über umfangreiches Know-How verfügt. Dies ist kein keckes Eigenlob, sondern wird durch umfangreiche Kooperationen mit den Herstellern untermauert. Beim aktuellen Thema Virtual Control betreibt HST Consulting seit vielen Monaten entsprechende Labor-Setups und ist Teilnehmer in limitierten Early Access btw. Technical Preview Programmen. Wenn der Endkunde dann zum ersten Mal in den entsprechenden Medien oder von den Herstellern Informationen über entsprechende Produkte erhält, hat HST Consulting das entsprechende Know-How schon inhouse aufgebaut. Eine intensive Anstrengung und mit viel Aufwand verbunden, aber eben die Art, wie wir Medientechnik-Consulting verstehen.

Brauchen wir noch traditionelle Mediensteuerungen ist eine durchaus relevante Frage und bedarf einer professionellen Analyse. Dafür stehen wir zur Verfügung. Mehr darüber gerne in einem persönlichen Gespräch, wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme.

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